WIEN 1909. PRIVATDRUCK.
Vorwort des Herausgebers.
Während der Pariser Weltausstellung im Jahre 1878 machte
ich als Vertreter und Berichterstatter des *Jornals
gelegentlich auch die Bekanntschaft einer russischen
Tänzerin, die der Stern eines im Trocadero-Palaste
auftretenden Balettkorps war. Man konnte Mariska, so war
ihr Name, nicht im entferntesten ansehen, daß sie bereits
36 Jahre zählte; trotz zahlreicher seelischer und, sagen
wir es nur sans gêne, auch körperlicher -- Erschütterungen,
denen sie im Laufe ihres Lebens ausgesetzt war, macht sie
durchaus den Eindruck einer äußert üppigen, voll erblühten
Schönheit in den zwanziger Jahren.
Am meisten reizte mich an ihr die geradezu phänomenale
Entwicklung ihrer rückseitigen Schönheiten, und jedesmal,
wenn ich sie traf, drängte sich mir dieselbe Frage auf die
Lippen, woher diese rätselhafte Fülle stamme, die ich für
eine Folge der anstrengenden Uebungen hielt, welche die
Jüngerinnen Terpsichores von ihrer frühesten Jugend an
durchmachen müssen. Noch aber war ich mit ihr nicht
familiär genug, um eine derartige Frage stellen zu dürfen,
und so bezwang ich mühsam mein Gelüst, obgleich Mariskas
Benehmen mir gegenüber eher aufmunternd und entgegenkommend
als das Gegenteil davon war.
Eines Abends aber bot sich eine so vorzügliche
Gelegenheit, daß auch der Schüchternste davon profitiert
hätte. Zwei meiner Freunde und ich hatten die Tänzerin
gebeten, beim Souper im Cabinet particulier unser Gast zu
sein. Als wir zum ersten Stock des Restaurants
emporstiegen, war ich auf der Treppe eine Stufe hinter
Mariska zurückgeblieben, und unfähig meinem Triebe langer
zu widerstehen, nahm ich mit beiden Händen das Maß der vor
mir schwebenden Schönheiten, ohne daß deren Eigentümerin
darauf anders als mit schelmischen Lächeln reagierte.
Wahrend des Soupers, bei dem der frappierte Sekt unsere
Lustigkeit zum Überschäumen brachte, scherzten wir viel
über ihre »Entartung«, wie wir es nannten. Sie lächelte
dazu so spöttisch und verschmitzt, als ob sie über eine
neue Tollheit nachdächte, denn dafür war sie
bekannt