anonymer Verfasser
Mademoiselle Sappho
Beichte eines jungen Mädchens
Übersetzt von Heinrich Conrad
Erstes Kapitel
Es hatte, Mylord, in der Weihnachtsnacht ein wenig
gefroren; dadurch hatten wir einen schönen Tag bekommen. Am
Morgen war das Wetter ruhig, der Himmel heiter, die Sonne
durchwärmte die Luft. Gegen Mittag war eine große
Menschenmenge in den Tuilerien zusammengeströmt und bewegte
sich auf der Terrasse des Feuillants, dem gewöhnlichen
Spaziergang zu dieser Jahreszeit, wo auch der Graf d'Aranda
regelmäßig mindestens einmal täglich frische Luft schöpft.
Ich hatte den hohen Herrn dort getroffen und plauderte mit
ihm, als wir plötzlich am unteren Ende der Terrasse einen
Auflauf bemerkten. Von allen Seiten eilten die Schweizer
und Parkwächter herbei, und eine große Menschenmenge
strömte ihnen nach. Wir traten näher und erkannten deutlich
die »kleine Gräfin«. Sie werden sich erinnern, daß man bei
Hofe, wo man alles im milden Lichte sieht, mit diesem Namen
Frau Gourdan bezeichnet, jene berühmte Kupplerin, von der
ich Sie bereits mehrere Male unterhalten habe. In ihrer
Gesellschaft befand sich eine sehr gut gekleidete, sehr
hübsche und sehr junge Nymphe – in Wirklichkeit noch ein
Kind. Die Kleider dieser letzteren befanden sich in einer
gewissen Unordnung, und sie weinte bitterlich; die andere
zeterte und fluchte mit zornrotem Gesicht und tobte wie
eine Megäre. Bei ihnen befand sich ein alter Mann, dessen
edle Gesichtszüge einen Ausdruck des Schmerzes und des
Schreckens trugen; er war wie ein Landmann gekleidet. Bald
verbreitete sich das Gerücht, der Landmann habe seine
Tochter gesucht, die seit einiger Zeit aus ihrem Dorf
verschwunden sei, und habe sie trotz der eleganten
Kleidung, in der er sie früher niemals gesehen,
wiederzuerkennen geglaubt; er sei auf sie zugegangen, habe
sie mit harten Worten angeredet und sich ihrer bemächtigen
wollen, um sie wieder nach Hause zu nehmen. Dieser Absicht
habe sich jedoch einerseits die Frau Äbtissin Gourdan und
andererseits noch mehr das Mädchen selber widersetzt. Diese
habe sich gestellt, wie wenn sie gar nicht wüßte, wer er
sei, wovon er rede und was er von ihr verlange. Der Bauer
sei in Wut geraten, daß sein eigenes Fleisch und Blut ihn
verleugne, und habe dem Mädchen ein paar Ohrfeigen
gegeben.
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